Autor Thema: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert  (Gelesen 7020 mal)

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Offline Deichwart

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Helmut Lipfert
"Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
Erlebnisse eines Jagdfliegers während des Rückzugs im Osten 1943"

Motorbuch Verlag
279 Seiten inkl s/w-Fotos und Auflistung der Abschüsse

Hauptmann Helmut Lipfert war Jagdpilot im JG52 und JG53 und erzielte insgesamt 203 bestätigte Abschüsse. In diesem Buch erzählt er von seinem Leben als Jagflieger. Sehr bildhalft und nahvollziehbar beschreibt er die Luftkämpfe an der Ostfront. Immer wieder pickt er sich einzelne Abschüsse heraus, die er sehr detailgetreu erzählt. Natürlich fehlen kleine Geschichten außerhalb des Cockpits nicht.

Man erfährt eine Menge über seine Taktik im Luftkampf, besonders im Zusammenspiel mit den Flügelmännern. Mir war z.B. nicht bewusst, dass durchaus mit der 109 in Bodennähe gekurbelt wurde.

Für mich ist das Buch eine eindeutige Empfehlung, auch wenn es leider mittlerweile schwer erhältlich ist.
Das Gegenteil von "gut" ist "gut gemeint".

Offline Nephris

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Re: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
« Antwort #1 am: 20.März.2012, 13:39 »
Ist es in "akzepteblem" Zustand 25€ wert?
Eine Seite als Leseprobe im Scan wäre cool!
 ::) ;)
« Letzte Änderung: 20.März.2012, 13:44 von Nephris »

Offline SniperS

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Re: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
« Antwort #2 am: 20.März.2012, 15:34 »
He Deichwart,

Du hast absolut Recht! Auf jeden Fall ist dieses Buch eins der besten Bücher das im Motorbuch Verlag Stuttgart erschienen ist.
Die Aufzeichnungen von Helmut Lipfert über das erlebte im Zeitraum 1943 - 1945 bilden einen wichtigen Bestandteil zur Geschwadergeschichte des JG52! Aber es geht nicht nur um den Luftkampf in Russland und in der Reichsverteidigung. Vielmehr zeigt es, dass Leben jener Tage als Soldat und Pilot im II. Weltkrieg.

Wichtiges:
Das JG52 ist das am besten dokumentierte Geschwader auf dem Büchermarkt. Alleine für dieses Geschwader und seine Piloten gibt es (mir bekannt) mindestens 24. deutschsprachige Bücher und 2. in englischer Sprache. Das Buch: „Das Tagebuch des Hauptmann Lipfert“ ist nicht nur eins der ersten Bücher über das Jagdgeschwader und seine Piloten, sondern auch eins der besten. Ich kann es jeden interessierten Leser nur empfehlen.

Zum Buch selbst:
Es gab insgesamt 3. Auflagen von diesem Buch. Die 1. Auflage ist im Jahr 1973 erschienen. Die 2. Auflage dann ein Jahr später und 3. Auflage im Jahr 1975.
Ein gut erhaltenes Buch (Schutzumschlag tadellos und nicht eingerissen und die Seiten sind nicht beschrieben oder verschmutzt) wird so zwischen 20€ - 50€ gehandelt.
Ausgenommen sind Bücher wo H. Lipfert selbst unterschrieben hat oder angehörige des Geschwader (E. Hartmann, G. Barkhorn, G. Rall, D. Harbak, usw.). Diese Bücher können bis zu 200€ und mehr kosten.

Gruß
SniperS
« Letzte Änderung: 20.März.2012, 15:52 von SniperS »
 
Motto der Jagdflieger: Lachend hinauf, verbissen drauf, wackelnd zurück, Jagdfliegerglück!

Offline Deichwart

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Re: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
« Antwort #3 am: 20.März.2012, 18:30 »
Ist es in "akzepteblem" Zustand 25€ wert?
Eine Seite als Leseprobe im Scan wäre cool!
 ::) ;)

Ich würde sagen - ja! Ich hab knapp 20 € in Speyer bezahlt, hatte etwas Glück.

Einscannen werde ich hier nix, wg. Copyright. Vielleicht gibt ja ne Suchmaschine was raus... ?
Das Gegenteil von "gut" ist "gut gemeint".

Offline yogy

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Re: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
« Antwort #4 am: 21.März.2012, 12:31 »
Absolute Empfehlung!

Das Buch ist "schuld", dass ich mir hier rumtreibe. Hab's zu Grundschulzeiten bekommen und es war wie eine Art Karl May des 20.Jh für den kleinen yogy. Lipfert bzw. der Ghostwriter schreibt z.B. auch über die eigenen Ängste und menschliche Seiten. Es ist wesentlich besser als die "Schundliteratur" von Toliver/Constable über Hartmann, die geprägt ist von der Politik des kalten Krieges. Ich lese heute noch gern Passagen darin, besonders die Luftkampfbeschreibungen.

Interessant in dem Zusammenhang, dass Lipfert sich nach dem Krieg gar nicht in der Gemeinschaft der Jagflieger blicken ließ - warum, weiß ich auch nicht. Achtung Spekulation: Könnte sein, dass Lipfert in der II./JG52 nicht sehr beliebt war, das würde zumindest erklären, warum er nach Barkhorns Verletzung oder nach dessen Abgang zum JG6 nicht Gruppenkommandeur wurde und das EL erst so spät bekam.
Cheers, yogy

Offline LoHan

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Re: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
« Antwort #5 am: 21.März.2012, 14:52 »
.....Leseprobe! (alles mit Hand abgeschrieben ;) )

Jetzt aber schoß ich den nächsten Bock. Aus etwa 200 Meter Ent-
fernung fing ich schon an zu pflastern. Natürlich traf ich nichts,
und der Russe war gewarnt. Er riß an seinem Knüppel, daß ein

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gezieltes Feuer gar nicht mehr möglich war. Ich konnte nur noch
streuen.

Wohl sah ich ab und zu einen Treffer aufblitzen, aber meinem
Vordermann schien das wenig auszumachen. Als ich dann bis
auf etwa 100 Meter heran war, hatte ich auf sämtlichen Waffen
Ladehemmung. So konnte ich nichts weiter tun, als Lt. Smiatek
heranzubeordern. Während dieser nun anfing, dem Russen das
Leben sauer zu machen, vollführte ich in der Luft einen wahren
Veitstanz. Ich schüttelte die Kiste hin und her, legte sie aufs
Kreuz, stellte sie auf den Schwanz und exerzierte mit ihr, bis die
Bemühungen einen Erfolg zeigten. Eines der MG schoß wieder.

Inzwischen hatte Smiatek schon seinen dritten Angriff gefahren.
Der Russe war jetzt langsamer geworden und zeigte auch eine
leichte graue Fahne. Da saß ich ihm wieder im Genick. Diesmal
ließ ich mich auf nichts ein, sondern flog hinter ihm her und
beschoß ihn. Die Fahrt hatte ich nun angeglichen. Ich sah, daß
ich immer mehr Treffer bei ihm anbringen konnte. Große Fetzen
seiner Bespannung wirbelten durch die Luft, aber er wollte und
wollte nicht fallen.

Ehe ich es noch bemerkte, hatte der Bursche das Gas herausgeris-
sen, und ich mußte ihn wohl oder übel überholen, da half kein
Slippen und Ins-Seitenruder-Treten. In dem schmalen Tal kam
ich dem Russen für einen Augenblick sogar vor die Schnauze.
Glücklicherweise dachte dieser aber nicht ans Schießen, und ich
atmete erleichtert auf.

Während ihn Smiatek noch einmal vornahm, hatte ich hochgezo-
gen und saß ihm im Handumdrehen ein weiteres Mal im Rücken.
Wieder schoß ich mit dem einen MG.

Als ich wegzog und Smiatek eben wieder angreifen wollte, setzte
der Iwan überraschend zur Landung an und warf seine Maschine
auf einen Acker.


...



Zuerst ignorierte er meine MG-Garben, bis es bei ihm einige
Male aufblitzte. Dann riß er mit mächtigem Kondens eine Kurve
und stürzte weiter nach Nordosten hinaus auf das Faule Meer
zu. Ich schnitt ab und kam mit einer Höllenfahrt näher. Mein Ge-
schwindigkeitsmesser zeigte über 750 Stundenkilometer, und ich
konnte meine Maschine kaum halten. Ich hatte das rechte Seiten-
ruder fast voll ausgetreten und mußte den Knüppel mit beiden

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Händen nach vorn drücken, damit ich die Me hinter dem Russen
halten konnte.

Das hatte ich noch von keinem Russen erlebt. Gewöhnlich waren
sie bei 600 Stundenkilometer am Ende ihrer Kunst. Die leichtge-
bauten Maschinen des Gegners fingen dann von selbst ab, ohne
daß der Flugzeugführer etwas dagegen tun konnte. Mit einer
guten Bf 109 G-6 konnte man bis über 850 Stundenkilometer
stürzen. Darüber hinaus folgte auch sie dem Piloten nur in den
seltensten Fällen. Die dabei entstehenden Steuerdrücke waren
ganz enorm.

Wie schon erwähnt, konnte ich meine Maschine nur mit der
Kraft beider Arme hinter dem Russen halten. Der Gegner wurde
größer und größer. Er wuchs in das Revi hinein, und nun mußte
ich schießen.

Langsam, ohne den Druck der beiden Arme auf den Steuerknüp-
pel zu mindern, fingerte ich nach dem Abzugbügel für die beiden
MG und brachte meinen Daumen auf den Kanonenknopf. Noch
immer schien der Russe nicht bemerkt zu haben, daß ich hinter
ihm saß. Er glaubte, mich durch seine Höllenfahrt längst abge-
schüttelt zu haben. Gleich die ersten Schüsse, die ich abgab,
waren Treffer. An seinem Rumpf zeigten sich die von der Ka-
none verursachten schwarzen Wölkchen.

Plötzlich zog der Gegner zuerst, um dann noch stärker nachzu-
drücken. Das schaffte ich nicht mehr, meine Geschwindigkeit
mußte schon über 850 Stundenkilometer liegen. Instinktiv riß ich
den Gashebel zurück und öffnete mit dem nächsten Griff die
Kühler, dann warf ich die Messerschmitt mit einiger Mühe aufs
Kreuz und sah gerade den Russen unter mir herankommen. Er
qualmte leicht, und das linke Fahrwerk hing heraus. Meine Ge-
schwindigkeit war unterdessen zurückgefallen und so unternahm
ich einen neuen Angriff.

Diesmal trimmte ich meine Maschine erst gehörig kopflastig,

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denn der Russe stürzte immer noch weiter, wenn auch nicht
mehr so steil wie zuvor. In 3000 Meter Höhe war ich wieder hin-
ter ihm. Jetzt hatte er mich auch gesehen, flog aber immer noch
geradeaus. Ich schoß etwas zu früh. Er änderte seine Richtung
nicht, sondern drückte wieder kurz nach, so daß ich plötzlich
eine Etage höher saß als er. Ich drückte ebenfalls. Doch als ich
schießen wollte, zog er wieder, und ich saß diesmal unter ihm.
Diese Bewegungen vollführte der Russe mit solch einem Ge-
schick, daß ich einfach nicht zum Schuß kam. Außerdem wech-
selte er ständig die Geschwindigkeit und schien es darauf ange-
legt zu haben, daß ich ihn überholen sollte. Bestimmt hätte mich
dann dieser Könner vom Himmel gefegt oder mir zumindest et-
liche Treffer angebracht.

Ich war aber vorsichtig genug, um ihm nicht zu nahe zu kom-
men. Ich drückte ab und zu auf meine Waffen und streute die Ge-
schosse um ihn herum. Ich traf ihn nicht genau, aber immerhin
mußte er Treffer um Treffer einstecken. Nach einiger Zeit ließ er
von seiner Verteidigungstaktik ab und begann zu kurven.

Meine rote Lampe flackerte bereits. Eine rasche Orientierung im
Luftraum ließ mich erkennen, daß außer uns beiden kein Flug-
zeug am Himmel zu sehen war. Pulverdampf durchzog meine Ka-
bine und erregte meine Nerven, soweit das überhaupt noch mög-
lich war. Angeschossen und mit einem Fahrwerk draußen kurvte
der Russe um sein Leben und bewies durch seine Geschicklich-
keit, daß auch der Feind ausgezeichnete Flieger und Kämpfer
hatte.

Wieder legte ich meine Maschine auf den Rücken, ließ mich in
seine Kurve hineinrutschen und schoß mit großem Vorhalt.
Zwar wich er wieder aus, aber ich traf dennoch seine äußerste
Flächenspitze, die auch sofort abmontierte. Nun war es um ihn
geschehen. Es half ihm kein Wehren mehr, er war in seiner Ab-
wehr jetzt zu sehr behindert. Erneut traf ihn eine volle Garbe. Ein

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Kanonentreffer riß ihm das gesamte Leitwerk ab, und dann
stürzte er brennend und trudelnd in die Tiefe. Ich wischte mir den
Schweiß von der Stirn, öffnete die Kombination und folgte die-
sem Gegner, bis er wenige hundert Meter vor der Küste in das
Faule Meer hineinstürzte.


...



Links neben uns, etwa 600 Meter höher, war plötzlich der Russe
zu sehen, eine Pe-2. Mit viel Fahrt kam die Maschine vor mir her-
unter und drückte nach Taman hinein. Wohl zog ich hinter ihm
her, aber der Abstand zwischen uns wurde eher größer als gerin-
ger. Dafür kam er ja auch aus der Überhöhung. Ich schob Voll-
gas hinein und stürzte nun so rasch hinterher, daß Mohr gar
nicht richtig folgen konnte. Der Russe hingegen wurde vor mir
immer größer.

Würde mein Sprit noch ausreichen oder mußte ich eventuell
sogar mit meinem Kameraden eine Notlandung auf russischem
Gebiet machen? Wer wußte aber, was für wichtige Aufklärungs-
ergebnisse der Gegner vor mir mit nach Hause bringen konnte,
wenn ich ihn ungeschoren fliegen ließ.

Nun war er im Tiefstflug, ich selbst 800 Meter hinter ihm. Mohr
durfte nicht herunterkommen. Er sollte auf Höhe bleiben, damit
er im Gleitflug nach Hause kommen konnte, wenn es gar nicht
mehr anders ging. In wenigen Sekunden mußte ich den Russen
einholen, doch ehe ich recht auf Schußentfernung heran war,
feuerte der gegnerische Heckschütze. Mir flog die Leuchtspur um
die Ohren, so daß ich mich in der Maschine ganz klein machte,

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denn der Bursche schoß verdammt gut. Da schepperte es auch
schon zweimal und meine linke Fläche zeigte zwei anständige Lö-
cher. Jetzt durfte ich nicht mehr länger warten, ich mußte schie-
ßen.

Die ersten Garben gingen über seine Kabine hinweg. Während
ich korrigierte, setzte meine Kanone aus. Mit den beiden MG
brachte ich dem Russen dann mehrere Treffer bei, aber der
Heckschütze erwiderte immer noch das Feuer. Der Russe hielt
seine Maschine gerade und ich konnte genau zielen.

Nun fiel auch noch eines der beiden MG aus. Jetzt half mir nur
noch genaue Maßarbeit. Zum drittenmal hing ich 100 Meter hin-
ter dem Gegner und fluchte über das Versagen meiner Waffen.
Dann betätigte ich den Abzug.

Fast alle Geschosse wanderten in den Rumpf der Pe-2 hinein,
Fetzen flogen und Feuer züngelte auf. Aber der Russe flog
immer noch. Glücklicherweise hatte der Heckschütze zu schie-
ßen aufgehört, wahrscheinlich war er verwundet. Nun flog ich
noch dichter heran. 60,40, 20 Meter, so daß ich schon ordentlich
von den Propellerböen erfaßt wurde. Meine Maschine schüttelte
sich und ich mußte hochziehen. Dann drückte ich aber sofort
nach und traf ihn mit der einen Waffe von seitlich oben aus 20
Meter Entfernung. Kein Geschoß ging vorbei.

Die Pe-2 explodierte, das Leitwerk und ein Teil des Rumpfes bra-
chen ab. Der Rest fiel wie eine feurige Kugel der Erde zu. Ich
beorderte meinen Katschmarek auf den schnellsten Weg nach
Hause, damit er wenigstens einigermaßen sicher landen konnte.


...


Scheinbar war dieser zu stolz, um wie sein
Katschmarek einen Abschwung zu machen. Er ließ mich bis fast
auf Schußentfernung herankommen und riß dann mit aller Kraft
herum. Da ich aber dieses Manöver erwartet hatte, riß ich gleich-
falls mit und blieb hinter ihm. Als er dann für einen kurzen
Augenblick geradeaus flog, hatte er auch schon die ersten Treffer
von mir weg. Sofort begann er wieder zu kurven.

Ich zog noch ein wenig enger als er, hielt vor und schoß. Wieder
bekam der Russe einige Treffer ab. Während er nun in der Luft
die tollsten Kapriolen vollführte, flog ich geradeaus, schnitt ab
und verpaßte ihm immer wieder ein paar Treffer. Leider hatte
meine Kanone bereits nach den ersten Schüssen versagt, und aus
den beiden MG konnte der Gegner eine ganze Menge vertragen,
wie es sich zeigte.

Während der wilden Kurbelei hatte sich der andere Russe inzwi-
schen wieder hochgeschraubt und schickte sich an, mir von oben
in den Rücken zu fallen. Noch war er zu weit entfernt, um mir
gefährlich werden zu können, aber ich mußte mich beeilen, um
den vor mir fliegenden abzuschießen. Der Bursche war auch kein
schlechter Flieger, er zog alle Register seiner Flugkünste und ließ
mich nicht mehr zum Schuß kommen.

Über zehn Minuten kurvten wir nun schon, da legte der Pilot vor
mir gerade und drückte steil nach unten weg. Das hatte ich er-
hofft und erwartet. Da die Messerschmitt schwerer als die Jak
war, kam ich rasch näher und betätigte dann alle Knöpfe. Im
nächsten Augenblick gab es vor mir eine Explosion, und dann fie-
len nur noch Trümmer in das Hafenbecken von Kertsch hinun-
ter. Der russische Flugzeugführer pendelte am Fallschirm.

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Im Abdrehen gab es in meiner Maschine einen heftigen Schlag.
Aha, ich hatte ja völlig vergessen, daß auch noch einer hinter mir
saß. Ich stürzte sofort weg. Der Russe schoß nicht mehr, und ich
sah ihn auch nicht mehr hinter mir. Also stürzte ich weiter hinun-
ter auf Kertsch zu. In 1500 Meter hatte ich 600 Stundenkilome-
ter und zog den Knüppel durch, um abzufangen. Das ging überra-
schend leicht. Doch gleichzeitig mußte ich feststellen, daß die
Mühle weiterstürzte und nicht mehr auf das Höhenruder reagier-
te. Den Gedanken, auszusteigen, verwarf ich sofort wieder, bei
dieser Fahrt würde ich bestimmt nicht von der Maschine freikom-
men.

Immer näher rückte Kertsch heran, in wenigen Sekunden mußte
ich mitten in den Ruinen der Stadt zerschellen. Die Trimmung,
durchzuckte es mich. Verdammt, die Trimmung! Ich hatte sie am
Anfang des Sturzes auf »kopflastig« gestellt.
So schnell ich konnte, drehte ich mit beiden Händen das Trimm-
rad. Über Kertsch hatte ich die Me in der Waagrechten. Das war
knapp!


...


Während der Schwarm etwas auseinandergezogen flog, hingen
wir beide etwa 200 Meter höher und dicht zusammen. Wir moch-
ten wohl gerade 1000 Meter Höhe erreicht haben, da sah ich vor
mir in halber Höhe einen großen Pulk, der in einem riesigen
Kreis immer wieder zur Erde hinabstieß und aus allen Rohren

205

auf die dort unten abgestellten Maschinen feuerte. Aha, dachte
ich, die Il-2. Ich rief Fönnekold zu: »Vor uns in Hanni 500 die
Il-2. Sie greifen den Flugplatz von Löver an. Ich fahre sofort
einen Angriff! — Ständer, Sie greifen gleich mit mir an. Schießen
Sie auf alles, was Ihnen vor die Rohre kommt!«

Aber welch folgenschwerer Irrtum war mir da unterlaufen!
Zuerst dachte ich: Nanu, ist das ein neuer Typ von Il-2? Als ich
in voller Fahrt in den Kreis der vor mir fliegenden Maschinen hin-
einfuhr, erkannte ich sie — »Mustang«!
»Achtung. — verflucht, das sind 'Mustangs'!«
»Schöne Il-2«, hörte ich Fönnekold knurren. Zurückblickend sah
ich ihn mit seinem Schwarm in Kiellinie folgen. Ich hatte hohe
Fahrt und kam glücklich genau von unten in die Mitte zwischen
zwei Amerikaner. Der vor mir Fliegende lag stur in der Luft, bis
ich auf die Knöpfe drückte. Noch ehe ich ganz dicht an ihm war,
neigte sich die »Mustang« ruckartig nach vorn und kippte mit dik-
ker, weißer Fahne ab. Ohne beschossen zu werden, zog ich nach
oben und beobachtete, wie mein Katschmarek wie ein Alter zwi-
schen die Amerikaner hielt. Im Wegziehen rief er: »Gratuliere,
sechs eins, ich habe Ihren Abschuß gesehen!«

»Kommen Sie mit, wir greifen erneut an. Jeder kämpft für sich al-
lein!« rief ich ihm zu. Wieder kam ich hinter eine »Mustang«,
doch leider schoß nur noch ein MG. Damit hielt ich drauf, soviel
ich konnte. Dann stellte ich das Feuer ein und ging so weit heran,
daß nun jeder Schuß sitzen mußte. Gewohnheitsgemäß blickte
ich mich noch einmal um und sah zu meinem Schrecken, daß mir
eine andere »Mustang« auf der Pelle saß. Noch aber schoß sie
nicht.
...
Sorgfältig suchte ich den Himmel um mich herum und vor allen
Dingen über mir ab, stieß dann mit Höllenfahrt hinunter, tauchte
tief unter und kam von hinten an vier »Mustang« heran. Keiner
der vier Piloten sah sich um. Da nahm ich die zuletzt fliegende
Maschine aufs Korn, zielte sorgfältig und drückte dann, als ich
nicht mehr fehlen konnte, auf alle Knöpfe. Immer noch schoß
nur das eine MG, aber meine Schüsse waren allesamt Treffer.
Schon zog der Ami eine dicke schwarze Fahne hinter sich her, da
mußte ich abdrehen und konnte ihn nicht mehr beobachten.

207

Da ich immer noch über 600 Stundenkilometer Fahrt hatte,
nahm ich mir sogleich die zunächst fliegende Kette vor. Auch
hier traf ich den Hintermann, konnte aber leider nicht lange
genug hinter ihm bleiben, denn um meine Ohren spritzte nun
Leuchtspur. Ich zog nach oben und erkannte, daß sich eine »Mu-
stang« auf den Schwanz gestellt hatte, um mich von meinem
Opfer abzubringen, was ihr in der Tat auch gelungen war.

Meine Geschwindigkeit war jedoch immer noch so groß, daß ich
in wenigen Sekunden aus der Gefahrenzone verschwinden konn-
te. In 1000 Meter Höhe besah ich mir noch einmal die Lage und
hatte peinlich genau ein Auge darauf, daß ich auch der Höchste
von allen war. Dann griff ich zum drittenmal an.

Im Anflug legte ich die Messerschmitt auf den Rücken, trat,
drückte, zog und lud die Waffen erneut durch. Wenn doch wenig-
stens zwei MG schießen wollten! Noch einmal kam ich mit viel
Fahrt an die Amerikaner, doch der vorn fliegende Kettenführer
bemerkte mich und kippte ab. Auch der zweite brachte sich noch
in Sicherheit. Der letzte neigte die Fläche seiner »Mustang« nach
links, um eine Kurve einzuleiten, da war ich auf 200 Meter hinter
ihm und drückte sofort los. Und, oh Wunder, alle Waffen schossen!
Die Leuchtspur wanderte hinüber und verschwand aufblit-
zend zum größten Teil in dem Rumpf des Gegners. Eine dicke,
grauschwarze Fahne zeigte, daß ich recht gut getroffen hatte.

Nun ließ ich alle Vorsicht außer acht und zog hinter der schwach
kurvenden Maschine her. Sie flog immer noch eine leichte Biege,
und das wurde ihr dann zum Verhängnis. Wenn meine brave
»109« auch zitterte und bebte, ich zog mit aller Kraft noch enger,
hielt vor und schoß. Die amerikanische Jagdmaschine wanderte
genau durch den Feuerstrahl und mußte die volle Garbe hinneh-
men. Ich hatte so weit vorgehalten, daß ich die »Mustang« nicht
mehr sehen konnte und nun, da sie vor meiner Schnauze auf-

208

tauchte, war ich entsetzt, wie nahe ich ihr gekommen war. Bei-
nahe hätte ich den Burschen noch gerammt.

Der Rumpf war völlig zerschossen und die Kabine zertrümmert.
Außerdem brannte die Maschine und begann jetzt über die linke
Fläche zu drehen und stürzte trudelnd nach unten. Hart an der
Straße nach Sächsisch Regen schlug sie auf.


...


Der erste Platz, den wir dann anflogen, war geräumt. Hier hatten
die Rumänen wahrscheinlich Lunte gerochen und unser Kom-
men geahnt. Unten war alles leer, außer einigen Lkw und ein
paar Mann des technischen Personals, die sich schnell in Sicher-
heit brachten. Der nächste Platz hieß Medias, etwa 120 Kilome-
ter hinter der Front. Hier hatten wir Glück. Ich hatte vorher
noch meinem Schwarm genaue Instruktionen gegeben, und ehe
die Rumänen die Gefahr ahnten, hielten wir alle vier schon mit-
ten unter die abgestellten Fahrzeuge. Ich nahm mit meinem Kat-
schmarek die Seite, auf der die Hallen standen. Tamen mit seiner
Nummer »4« kurvte die andere Hälfte des Platzes an. Wir stiegen
bis auf zehn Meter hinunter und konnten gar nicht verfehlen.

Nach dem zweiten Angriff brannten dort unten schon fünf Ma-
schinen, als es langsam lebendig wurde. Ich schoß auch beim
nächsten Anflug eine Maschine — eine deutsche Ju 87, welche die
Rumänen damals von uns erhalten hatten — zusammen, doch lei-
der funktionierte wieder einmal bloß ein MG. Mitten im vierten
Angriff, diesmal auf eine Vierlingsflak, streikte auch diese Waffe
noch. Dafür bekam ich fünf Treffer in die linke Fläche und zwei
in den Rumpf, wie es sich später herausstellte. Immerhin hatte
ich aber die Genugtuung, daß das Vierlingsgeschütz eine Zeit-
lang schwieg.

Für mich hatte es keinen Zweck mehr, noch einmal nach unten
zu steigen, da ich ja doch nicht mehr schießen konnte, mochte
ich an meiner Maschine rütteln und durchladen soviel ich wollte.
So hing ich mich in 1000 Meter Höhe über den Platz, beobach-
tete eifrig den Luftraum und dirigierte die Angriffe der anderen.


...



Es glückte mir indessen erst am 17. Oktober, eine Jak-11 mit Zeu-
gen abzuschießen. Sie erhielt die Nummer 146. Und ehe der 147.
Luftsieg fallig war, erwischte ich erst noch eine Il-2 »ohne«. Zu
dieser Zeit bekam ich eine Bf 109 mit einer 3-cm-Kanone, und
ich freute mich auf meine nächste Begegnung mit den Il-2. Ein
gut gezielter Schuß aus dieser Waffe mußte auch eine Il-2
schwach machen.

Zusätzlich hatte ich einen jungen Oberfähnrich als neuen Kat-
schmarek bekommen, der sich in der Fliegerei prächtig anließ.
Um 14.55 Uhr des 23. Oktober 1944 starteten wir beide und
wandten uns nach Süden der Front zu, dabei allmählich Höhe ge-
winnend. Wir unterhielten uns munter, denn noch waren wir weit
und breit allein in der Luft. Da meldete eine Bodenstelle plötzlich,
daß im Raum von Skolnok ab der Theiß viele »Möbelwagen« im
Anflug wären. Ich hatte also den richtigen Riecher gehabt, als wir
nach Süden flogen. Die Russen liebäugelten zu offensichtlich mit
jener Brücke, die über die Theiß nach Skolnok hinein führte. Ge-
lang es ihnen, diese Brücke erfolgreich zu bombadieren, dann tra-
fen sie damit auch den über den Fluß vorgeschobenen Brücken-
kopf empfindlich.

Mit Vollgas flogen wir dahin, jede unserer Maschinen zog eine
dicke schwarze Fahne hinter sich her. Da war Skolnok. Wir hat-
ten unsere »l09« angedrückt. Beim Näherkommen erkannte ich
auch schon Flakwolken und fast gleichzeitig dann die Il-2.

Die Il-2 waren diesmal erstaunlicherweise in 1000 Meter anzutref-
fen, einer Höhe, in der sie sonst kaum flogen. Wahrscheinlich
war unsere Flak die Ursache, denn sie hielt heftig dazwischen.
Wir kamen von Norden, die Russen von Osten. Wir mußten also

219

nur um 90 Grad drehen und saßen dann bereits hinter ihnen.
Trotz des vorhandenen Jagdschutzes nahm ich das Gas heraus
und riß die Kühler auf, um Fahrt wegzunehmen. Diesmal war un-
sere Flak auf Draht und stellte das Feuer ein, als wir uns hinter
den russischen Maschinen befanden.

Langsam kamen wir näher. Noch saßen wir tiefer als die Il-2,
doch sie mußten uns schon bemerkt haben. Deutlich konnte ich
erkennen, wie der vordere Iwan nach allen Seiten äugte. Ober-
fähnrich Steins war etwas zurückgeblieben und meldete mir, daß
hinter uns alles frei war. Na, dann los!

Dicht hinter der zuletzt fliegenden Il-2 kam ich nach oben. Von
unten wollte ich nicht schießen, weil Düttmann wenige Tage
zuvor bei einer solchen Gelegenheit böse Erfahrungen gemacht
hatte. Seine Il-2 hatte nämlich faustgroße Sachen in Unmengen
abgeladen, und Düttmann war hineingeflogen. Wie sich heraus-
stellte, waren es Sprengkörper gewesen, und einer davon hatte
die »109« des Leutnants schwer beschädigt.

Ich tauchte also auf und schoß auch im selben Augenblick. Die
Entfernung mochte wohl 50 bis 30 Meter betragen haben. So
konnte ich gar nicht fehlen und sah auch, wie die neue Waffe ein-
schlug. So einen Abschuß einer Il-2 hatte ich bis dahin noch nie
gemacht oder überhaupt gesehen.

Dieses schwer gepanzerte Schlachtflugzeug, dem wir aus diesem
Grund den Namen »Betonbomber« gegeben hatten, zerbarst in
der Luft. Das ging so rasch, daß ich keine Zeit zum Ausweichen
mehr hatte. Viele kleine Einzelteile kamen auf mich zu, dann
auch vier größere, wahrscheinlich Motor, Flächen und Leitwerk.
Der Motor, als schwerster Brocken, kam unter mir durch, die Flä-
chen und das andere hatte es durch die Wucht der Explosion
mehr nach oben (185) geschleudert. Sie sausten unmittelbar über
meine Kabine. Andere, zum Teil brennende Stücke schlugen
gegen meinen Rumpf und die Flächen und zerbeulten meine Ma-

220

schine arg. Aber ich hatte Glück. Nach wenigen Sekunden war
ich durch diese Einzelteile hindurch. Das hätte nun mein Ende
sein können, denn ich hatte schon einmal beobachtet wie einer
meiner Rottenführer in den eigenen Abschuß hineingeflogen war.
Fw. Gleissner war es, damals bei Karbadinka am Kaukasus.

Steins war noch nicht heran und die russischen Jäger noch weit,
da flog ich bereits den zweiten Angriff. Da ich meine Geschwin-
digkeit den Schlachtfliegern fast angeglichen hatte, wollte ich
nicht erst eine neue Biege fliegen, zog meine Maschine hinter den
beiden anderen Russen nach links hoch und rollte sie über den
Rücken so herum, daß ich genau hinter die nächste Il-2 kam. In-
zwischen wieder in Normallage, schoß ich, ohne mich um das wü-
tende Abwehrfeuer des Gegners zu kümmern. Zuerst sah ich die
Geschosse der MG aufblitzen, und dann traf die 3-cm-Munition
ihr Ziel.

Sofort brach der Rumpf der Il-2 im hinteren Drittel ab. Diesmal
war ich auf Überraschungen besser gefaßt und riß sogleich nach
links oben weg, so daß die Trümmer unter mir durch kamen. In-
zwischen war auch Steins heran. Er hatte zwar keine 3-cm-Kanone,
hängte sich jedoch so zäh an die letzte der drei Il-2 und
schoß, bis sie brennend zur Bauchlandung ansetzte. Ich hatte
währenddessen die Rückendeckung übernommen. Wir kreisten
noch einen Augenblick über dem Russen, bis er unten aufschlug.
Dann zogen wir heimwärts und gratulierten uns schon in der
Luft über FT.

Diese beiden Abschüsse hatten sich innerhalb einer Minute abge-
spielt. Ich verbrauchte insgesamt nur zehn Schuß aus der Ka-
none und 35 Schuß MG-Muniton. Jedoch mußte meine Ma-
schine dafür in die Werft gebracht werden, denn die Trümmer
der zuerst abgeschossenen Il-2 hatten sie mehr beschädigt, als ich
zuerst angenommen hatte.


...



Jetzt wuchs mir die Il-2 schon in das Revi hinein, und nun war es
Zeit. Der Heckschütze der gegnerischen Maschine wehrte sich
zwar gewaltig, aber ich kümmerte mich nicht darum. Kühler zu,
Gashebel nach vorn! Die Il-2 mußte aber einen erfahrenen Flug-
zeugführer haben, denn noch ehe ich den ersten Schuß abfeuern
konnte, begann sie zu tanzen und lag nun keinen Augenblick
mehr ruhig in der Luft. Wie gut, daß ich meine Fahrt ziemlich
herausgenommen hatte, sonst wäre mir die Maschine bestimmt
entkommen. So aber hielt ich mit, und streute zunächst aus 60
Meter Entfernung mit den beiden MG. Und das war dem Russen
sichtlich unangenehm. Die Il-2 bockte und schob, daß ich Mühe
hatte, ihr einige Treffer beizubringen. Aber das Abwehrfeuer des
Heckschützen hatte wenigstens aufgehört. Sein MG ragte steil in
die Luft.

Wieder traf ich, und noch einmal. Nun mußte ich mit der Ka-
none schießen, denn ich konnte kaum mehr fehlen. Riesengroß
war der Vogel da vor mir. Im stillen wunderte ich mich, daß mir
von hinten noch keine Leuchtspur um die Ohren flog. Ich war da-
rauf gefaßt, doch zum Umsehen blieb jetzt keine Zeit. Im näch-
sten Augenblick mußte ich den Gegner rammen. Ich betätigte die
Kanone. Drüben splitterten die Einzelteile, und mir sausten die
Fetzen entgegen. Meine Messerschmitt war in die Propellerböen
der IL-2 gekommen und bockte und schlug, daß es mich nur so
hin und her warf. Mit aller Kraft stemmte ich mich gegen die Ru-
der, die mir gar nicht mehr gehorchen wollten.

Immer noch schoß ich. Immer noch wehrte sich der Russe. Wohl

225

auf zehn Meter war ich jetzt herangekommen, da kippte die Il-2
ruckartig nach unten und ich hatte meine »109« sofort wieder in
der Gewalt.



...

So zogen wir leicht nach oben weg,
zumal wir auch nicht auf die Il-2 durchstoßen konnten, und ver-
suchten erneut, besser an die begleitenden Jak heranzukommen.
Diese benutzten natürlich die sich ergebende Angriffspause und
machten kehrt, um den Schlachtflugzeugen nachzufliegen. Nur
einer nicht.

Dieser russische Flugzeugführer konnte es wohl nicht lassen, aus
der Reihe zu tanzen. Er ließ seine Maschine anders herum kur-
ven und besah sich wohl noch einmal ganz genau, wo die Bom-
ben hingefallen waren. Sein leichtsinniges Manöver brachte ihn
natürlich ein ganzes Stück von seinen Kameraden ab. Als er jetzt
wenden wollte, war ich zur Stelle. Ich war untergetaucht und kam
unbemerkt von hinten. Ich drückte erst aus nächster Nähe auf die
Knöpfe, doch meine Waffen wollten wieder einmal nicht. Ledig-
lich ein MG stotterte einige Schuß heraus, die dem anderen je-
doch nicht imponieren konnten. Aber während seine Kameraden
in der Ferne verschwanden, blieb ihm nun nichts weiter übrig als
zu kurven. Immerhin war er erfahren genug, daß er diese elemen-
tarste Regel in der Jägerei beherrschte und auch sofort beherzig-
te.

Ich bat Steins, hinter ihm zu bleiben und ihn, wenn möglich, abzu-
schießen, während ich mit meinen Waffen reden und den Luft-
raum beobachten würde. Steins beschäftigte dann den Russen

229

auch, daß dieser kaum einen Kilometer nach Osten an Boden ge-
winnen konnte, obwohl er immer wieder versuchte zu »eiern«,
also immer möglichst lange geradeaus zu fliegen und erst dann
nach Westen herumzuziehen, wenn Steins zum Schießen anset-
zen wollte. Inzwischen schossen wenigstens die beiden MG bei
mir wieder. Ich ließ mich, gerade als der Russe wieder nach
Osten abfliegen wollte, hinter ihn hereinfallen und landete auch
sofort einige Treffer. Trotz seiner Fahne lieferte mir der Iwan
aber nun einen Luftkampf, wie er gefahrlicher und interessanter
nicht sein konnte. Das Ganze spielte sich in etwa 300 Meter
Höhe ab.

Der Russe war nicht dazu zu bringen, tiefer hinunterzugehen und
er wußte wahrscheinlich, daß ich ihn am Boden bestimmt auskur-
ven würde. Ganz genau und sicher mußte er mich im Auge ha-
ben, denn er wartete immer, bis ich zu schießen anfing. Erst dann
riß er herum und versuchte darüber hinaus noch durch Slippen
und Gaswegnehmen, mich vor sich kommen zu lassen. Das ging
so etwa zehn Minuten, aber wir hatten ja Zeit. Weit auf eigenem
Gebiet, mit verhältnismäßig viel Sprit in der Maschine, ließ ich
mich auf gar kein Risiko ein, sondern blieb eisern hinter ihm,
mochte er tun und lassen, was er wollte. Ab und zu, wenn er für
mich in besonders günstiger Position war, drückte ich auf die
Knöpfe und verpaßte ihm so einen Treffer nach dem anderen.

Steins saß über uns, beobachtete nach allen Seiten und ließ es an
Kommentaren nicht fehlen. Er war ein Katschmarek, wie er im
Buche steht. Wieder traf ich den Russen, nachdem ich herumge-
rissen und gut vorgehalten hatte. Und diesmal reichte es ihm. Re-
signiert drückte er mit dicker schwarzer Fahne nach unten und
schien eine Bauchlandung machen zu wollen.


...



Meist flogen wir in dieser Zeit in die Gegend ostwärts des Platten-
sees. Dort pflegten die russischen Jagdflieger über ihren eigenen
Panzerspitzen in 3500 Meter Höhe Sperre zu fliegen. Wir kamen
denn prompt immer in 5000 Meter an und sahen sie, meistens
acht Maschinen, unter uns dahinpatrouillieren. In solchen Fällen
gab ich erst genaue Erläuterungen und erklärte, wie man es
macht, da einen herauszupicken, ohne selbst in Gefahr zu kom-
men und Treffer hinnehmen zu müssen. Zu diesem Zweck beob-
achtete ich zunächst, wo die Russen ihren Wendepunkt hatten.
Fast immer bewachten diese Maschinen einen ganz bestimmten
Raum und mußten in einem festen Turnus dieselbe Strecke abflie-
gen. Ich lauerte über ihnen, bis sie sich anschickten, umzudrehen.
Wenn der Führer seine Maschine links in die Kurve legte, dann
hatten die anderen alle Hände voll zu tun, in Position zu bleiben
und mußten aufpassen, damit sie sich nicht rammten. Dieser
Augenblick war der günstigste.

Wenn die erste Maschine mit dem Kurven begann, war ich schon
unterwegs nach unten, und ehe noch der letzte Iwan seine Mühle
richtig in Position gebracht hatte, war ich hinter ihm und schoß
aus kürzester Entfernung. Ich war darauf schon so gedrillt, daß
ich den Gegner auch abschoß, wenn meine Kanone versagte und
nur die beiden MG funktionierten. Schoß die 3-cm-Kanone, dann
flog der Gegner auseinander. Schossen nur die MG, so brannte
es zumeist gleich lichterloh, wobei der Flugzeugführer oft noch
mit dem Fallschirm abspringen konnte.


...


Wieder einmal waren wir nach Altsohl gestartet, das fortwährend
unter Bombenangriffen zu leiden hatte. Die Infanterie teilte uns
mit, daß die letzten Angriffe von ehemals deutschen Flugzeugen
geflogen worden waren, die wir den Rumänen übergeben hatten:
Ju 88, He 111 und Bf 109.

Zu einem solchen Angriff kam ich gerade am 25. Februar um 14
Uhr zurecht. Der Gegner flog dicht unter den Wolken und hatte
sein Ziel noch nicht erreicht, da war ich mit meinem Schwarm
von unten an ihn herangestiegen. Jeder von uns schoß so gut er
konnte. Der Teufel wollte, daß wiederum nur ein MG bei mir
schoß. Damit konnte ich wohl einen Heckschützen erledigen, ich
traf auch den linken Motor mehrmals, dann aber verschwand die
qualmende Maschine in den Wolken. Ich zog ebenfalls hinauf,
zumal mir zwei schießende Messerschmitts von der Seite kamen.
Ehe ich in die Wolken eintauchte, erkannte ich noch ihre rumäni-
schen Hoheitsabzeichen. Fehlte nur noch, daß es die selben Ru-
mänen waren, denen ich damals in Tiraspol die Anfange der Jäge-
rei beigebracht hatte. Eine eigenartige Situation!

Nun wollte ich doch einmal prüfen, was sie gelernt hatten. Aus
den Wolken kommend, stürzte ich zunächst tief nach unten bis
dicht an den Boden. Ich sah rechts über mir auch gleich zwei Ma-
schinen und pirschte mich von unten hinten an sie heran. Sie hat-
ten mich jedoch bereits gesehen und kurvten auf mich ein, noch

259

ehe ich auf Schußentfernung war. Mit meiner Fahrt schoß ich an
ihnen vorbei nach oben und erkannte wieder die rumänischen
Abzeichen. Als nunmehr das Kurven begann, stellte ich zur Be-
ruhigung fest, daß diese beiden bestimmt nicht in Tiraspol ge-
wesen sein konnten, denn dafür zeigten sie zu wenig. Die gegne-
rischen Flugzeugführer schienen Angst zu haben, ihre Mühlen
ordentlich heranzunehmen und flogen daher nur ziemlich zahme
Biegen. Ihre Maschinen schienen mir auch ziemlich langsam zu
sein, denn ich war beim ersten Anflug gleich hinter ihnen.

Nach den ersten Schüssen auf den hinteren Rumänen versuchte
dieser, sofort in Richtung auf die feindlichen Linien wegzudrücken.
Ich saß ihm aber mit meinem einen MG auf der Pelle. Er
ließ mich seelenruhig pinseln, steckte seine Treffer ein und suchte
nur sein Heil in der Flucht. Ich hatte zwar keinen Katschmarek
mehr bei mir und war im Tiefstflug schon weit über gegneri-
schem Gebiet, aber ich wollte diese Maschine nicht so ohne weite-
res entkommen lassen. Da trennte sich der Rottenflieger von sei-
nem Kameraden, kam ihm aber nicht mehr zu Hilfe. Ich beobach-
tete danach besonders gut nach hinten und schoß weiter auf die
vor mir fliegende Me. Sie qualmte bereits sehr stark und raste
plötzlich gegen einen Hügel, ohne einen Aufschlagbrand zu verur-
sachen.


...


Ehe ich aber die »Mustang« daran hindern konnte, traf diese un-
sere Nummer »Vier« so, daß die 109 zu Boden stürzte und sich
brennend aufrollte. Dann machte der Gegner eine scharfe Rechts-
kurve und gab mir damit die Möglichkeit, abzuschneiden. Ich
saß sofort dicht hinter ihm. Wohl drückte ich auf alle Knöpfe,

264

aber wieder schoß nur ein MG. Der Amerikaner wehrte sich
zwar, seine Abwehrbewegungen waren jedoch so lahm, daß ich
nicht fehlen konnte. Schon zeigte die »Mustang« eine Fahne, da
schwieg auch dieses eine MG. Ladehemmung!

Im FT hörte ich Oberfähnrich Esser: »Lassen Sie mich bitte ran,
Herr Hauptmann, ich sitze hinter Ihnen!« Ich zog daraufhin nach
oben, Esser kam und schoß. Einen Augenblick später hörte ich
ihn dann »Abschuß!« brüllen und sah, wie die brennende »Mu-
stang« aus 600 Meter Höhe in einen Wald stürzte. Kurz vor dem
Aufschlag sprang der Pilot noch mit dem Fallschirm ab.

Immer noch war der Wurm in meinen Waffen. Für die nächsten
Feindflüge zeigt mein Flugbuch öfter solche Eintragungen: Lka
mit Il-2 und LaGG 5, l LaGG wirksam beschossen. Ähnlich
war es auch am 17. März. Anfangs schoß wenigstens ein MG.
Ich war mit einem Schwarm am Nordende des Plattensees auf
viele Il-2 ohne Jagdschutz gestoßen und bepinselte mit diesem
einen MG ein Schlachtflugzeug nach dem anderen. Herunter
bekam ich jedoch keins. Als dann auch diese Waffe leergeschos-
sen war, zog ich nach oben, um die anderen Flugzeugführer bei
ihren Angriffen zu führen. Gleichzeitig war ich darauf bedacht,
daß niemand an meine Häslein herankam. Doch diese schossen
schlecht. Wohl sah ich manche Il-2 stinkend oder mit einem Bein
draußen durch die Gegend wanken, aber keine von ihnen tat uns
den Gefallen, nach unten zu gehen. Meine drei Kameraden hat-
ten sie zwar schwer gerupft. Ich war trotzdem wütend, aber mehr
auf mein Schußpech als auf die Flugzeugführer.

»Ich bin westlich von Ihnen in Hanni 1500, kommen Sie herauf!«
Die Il-2 waren abgeflogen, und meine Kameraden stiegen sachte
zu mir nach oben. Als erster kam mein Katschmarek, Lt. Müller.
Er hatte mich fast erreicht, da sah ich plötzlich direkt über mir
eine Maschine, die sich heftig windend langsam in meiner Flug-
richtung nach vorn schob. Sie mochte wohl 500 Meter über mir

265

hängen. Es war eine LaGG 5. Als ich mich überzeugt hatte, daß
der Russe ganz allein in der Luft war, zog ich ganz sachte von
unten zu ihm hinauf. Der Iwan schien etwas zu suchen, denn er
ließ seine Mühle bald nach links und bald nach rechts pendeln.
Ich saß nun wohl zehn Meter hinter und einen Meter unter ihm.
Er sah mich aber nicht.

Ich faßte den Entschluß, ganz langsam von hinten an ihn heran-
zufahren und ihm das Leitwerk abzusäbeln, doch es kamen mir
dann Bedenken, als ich von seinen Propellerböen geschüttelt wur-
de. Gewiß, er würde in den Plattensee hinunterfallen, wahrschein-
lich war es aber, daß ich es ihm nachmachen würde. Und das
brauchte ja nicht zu sein.

Noch einmal lud ich alle Waffen durch, drückte, zog und schüt-
telte die Me und betete dabei, daß doch ein einziger Schuß ir-
gendwo herauskommen möchte. Der Russe flog währenddessen
immer noch leicht pendelnd wenige Meter über mir. Der hatte
vielleicht die Ruhe weg! Fast war er nun am Nordrand des Sees
angekommen, da wagte ich einen letzten Versuch. Aus der Ka-
none kamen zwei Schüsse. Mehr hätten es gar nicht sein brau-
chen. Sie saßen so gut, daß der Rumpf der LaGG 5 explodierte
und auseinanderbrach. Dennoch gelang es dem Flugzeugführer,
mit dem Fallschirm auszusteigen. In großen Kreisen begleitete
ich ihn, bis er die Wasseroberfläche berührte. Ich sah, wie er sich
von seinem Schirm befreite und dann zu schwimmen begann.
Scheinbar war er über sein Pech so durcheinander geraten, daß
er die Richtung verwechselte, er schwamm nämlich fleißig auf
das deutsche Ufer zu, wo man ihn schon zu erwarten schien.

Offline Nephris

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Re: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
« Antwort #6 am: 21.März.2012, 16:09 »
Firma dankt!
Respekt fürs abtippen .... 8)


Werde mir die Kladde wohl mal bei Amazon schiessen...

Offline leon

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Re: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
« Antwort #7 am: 21.März.2012, 16:33 »
Interessant, wie oft die Waffen versagten.

Offline Nephris

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Re: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
« Antwort #8 am: 21.März.2012, 17:00 »
Hülsenreisser?

Man macht sich in der perfekten Il2 Welt um solche Dinge ja keine Gedanken, es sei den bei Beschuss.
RoF hat es wohl verbaut und ein regelmäßiges Durchladen ist von Nöten.

Gleichsam berichtete die Verwandschaft von regelmäßigen Problemen beim MG42 bzgl. der Schusszuverlässigkeit....aber wehe es war losgelassen...
Wie im Graben so in der Wolke.

Kreuz+

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Re: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
« Antwort #9 am: 21.März.2012, 17:15 »
Zitat
alles mit Hand abgeschrieben ;)


du bist kein Brathahn sondern ein Googl  ;)

Klasse Buch, sehr sehr informativ,authentische Beschreibungen div. Luftkämpfe, Geschwaderleben, Technik sowie des Zeitgeschehens an der Front.


Offline Nephris

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Re: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
« Antwort #10 am: 26.März.2012, 19:31 »
So .... Buch bestellt....wenn das nix ist, rauchts aber. ;)
Derzeit gebe ich mir "von Manstein  -  Verlorene Siege" ,
sehr trocken und rhetorisch recht anspruchsvoll geschrieben,aber furchtbar spannend, wenn man Interesse an operativen Lagen hat.
Daher benötige ich nun wieder Material ,das auch beim schlichten Lesen zwischen Ubahn und Job noch ins Ohr geht.

Offline robtek

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Re: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
« Antwort #11 am: 26.März.2012, 19:36 »
Hier davon gehört, bestellt, gelesen, sehr spannend und informativ, für 4,5 Std Unterhaltung aber recht teuer :D
System:
Win 8.1
Asus Crosshair IV Formula
Phenom II 1100T
16GB Corsair 1600
MSI 7950
CPU Watercooled
Logitech G19 & G940
& den üblichen Kram, DVD-RW etc...

Offline Waggelchen

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Re: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
« Antwort #12 am: 05.Juli.2015, 14:01 »
Hab die erste Auflage (1973) bei mir zu Hause. Ist wirklich sehr gut zu lesen und nach dem Kauf von Il-2-Sturmovik und eigenen "Flugerfahrungen" mit dieser Simulation war dieses Buch noch eindrucksvoller zu lesen und gedanklich noch besser nachvollziehbar.

Es gibt da eine Textpassage, die ich später online ähnlich erfahren habe. Ein Luftkampf mit einem roten Jäger, welcher über einen längeren Zeitraum dauerte und wo man psychisch als auch physisch an die eigenen Grenzen ging. Wo man im Nachheinein großen Respekt für die fliegerische Leistung des "Gegners" empfindet. Und über die Art und Weise seines Flugstils erkennt man solch einen Piloten auch in späteren Auseinandersetzungen wieder.

Heute kann man sich ja aus solchen Büchern schnell ein privates Hörbuch basteln. Einfach jede Seite mit einer hochauflösenden Digicam abfotografen und dann mit einer PDF App "binden". Danach eine Texterkennungssoftware über die Seiten laufen lassen und den heraus gefilterten Text dann mit einer guten Text to Speech Software zu einer .mp3 umwandeln

Offline Amarok

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Re: Helmut Lipfert - Das Tagebuch des Hauptmann Lippfert
« Antwort #13 am: 05.Juli.2015, 20:54 »
Habe das Buch abzugeben.

Bei Interesse PN an mich.
Gruß Amarok